Von der Projektwerkstatt zum Reallabor: Wie aus der Auseinandersetzung mit der Wohnungskrise das Projekt „Campus as Commons“ entstand
Von Jesco Lippke

Die Projektwerkstatt „Perspektiven auf die Wohnungskrise“ entstand aus einer einfachen, aber drängenden Frage: Warum wird bezahlbarer Wohnraum in vielen Städten – und besonders in Berlin – immer knapper, und welche Rolle spielen Architektur, Stadtplanung und Politik dabei? Gemeinsam konzipierten Hannah Berner und ich ein interdisziplinäres Seminarformat, in dem Studierende verschiedener Studiengänge die Wohnungskrise aus unterschiedlichen Perspektiven – analytisch, praktisch und politisch – gemeinsam untersuchen sollten.*
Über mehrere Semester hinweg haben wir uns mit zentralen Dynamiken der aktuellen Wohnungskrise beschäftigt – von der Finanzialisierung des Wohnungsmarktes über Fragen der Bodenpolitik bis hin zu ökologischen Herausforderungen des Bauens. Neben der gemeinsamen Lektüre wissenschaftlicher Texte war der Austausch mit Akteur*innen aus Praxis, Verwaltung und Zivilgesellschaft ein wichtiger Bestandteil: Expert*innen aus Initiativen, Forschung und Politik brachten ihre Erfahrungen ein und eröffneten Einblicke in aktuelle stadtpolitische Debatten.
Im Verlauf der Projektwerkstatt richtete sich unser Interesse zunehmend auf eine konkrete Frage: Welche Rolle können bestehende Gebäude bei der Lösung der Wohnungsfrage spielen? Während politische Diskussionen häufig vor allem auf Neubauprogramme fokussieren, rückte für uns zunehmend das Potenzial von Umnutzung und Re-Use in den Mittelpunkt. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der Wohnraum knapp ist und gleichzeitig viele Büro- oder Verwaltungsgebäude leer stehen oder nur teilweise genutzt werden, erschien uns diese Perspektive besonders relevant. Die Projektwerkstatt wurde damit zu einem Raum, in dem wir nicht nur analytisch über die Krise des Wohnens diskutiert, sondern auch nach praktischen Ansätzen gesucht haben, wie alternative Lösungen aussehen könnten.
Vom Seminar zum Reallabor: Campus as Commons entsteht
Aus dieser Diskussion entwickelte sich schließlich das Folgeprojekt „Campus as Commons – Reuse for Affordable Student Housing“. Gemeinsam mit Jonathan Hoff und Püren Bahçivan untersuchen wir, wie ungenutzte Gebäude zu bezahlbarem studentischem Wohnraum umgebaut werden können. Gleichzeitig sollen dabei Studierende nicht nur als Betroffene der Wohnungsfrage, sondern auch als aktive Mitgestalter*innen urbaner Räume verstanden werden. Dabei geht es sowohl um architektonische Fragen als auch um neue Formen der Organisation und Nutzung: Welche Governance-Modelle ermöglichen gemeinwohlorientiertes Wohnen? Welche institutionellen und rechtlichen Rahmenbedingungen müssen erfüllt sein? Und welche Rolle können Hochschulen selbst spielen, wenn es darum geht, die Wohnsituation ihrer Studierenden zu verbessern?
Ein konkreter Ausgangspunkt für diese Arbeit ist das ehemalige Mathematikgebäude der TU Berlin, das seit einem Wasserschaden im Jahr 2023 teilweise leer steht. Anhand dieser Fallstudie entwickeln wir Konzepte dafür, wie Büro- und Seminarräume mit sehr geringem baulichen Aufwand in studentischen Wohnraum umgewandelt werden können.

Ein wichtiger Meilenstein war eine internationale Winter School, an der insgesamt rund 30 Studierende der Politecnico di Milano, der TU Gdańsk und der TU Berlin teilnahmen.1 In dieser intensiven Arbeitsphase entwickelten die internationalen Teams räumliche Konzepte und setzten erste Ideen sogar praktisch um: In mehreren Räumen des Gebäudes entstanden 1:1-Mock-ups, die zeigen, wie studentisches Wohnen im Bestand konkret aussehen könnte und welche räumlichen Anpassungen dafür notwendig wären.2


Abb. 4: Sitzgelegenheiten auf der Fensterbank mit Ausblick im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin.
Aus derselben internationalen Zusammenarbeit ist auch eine längerfristige Kooperation mit der Politecnico di Milano und der TU Gdańsk entstanden. Gemeinsam arbeiten wir derzeit an einem Sammelband zum Thema „Studentisches Wohnen in Europa“, in dem unterschiedliche nationale Kontexte, politische Strategien und architektonische Ansätze miteinander verglichen werden. Gleichzeitig verstehen wir das Projekt bewusst als Reallabor, in dem Forschung, Lehre und gesellschaftliche Praxis ineinandergreifen: Neben architektonischen Entwürfen entstehen Governance-Konzepte für eine gemeinwohlorientierte Selbstverwaltung sowie Workshops, öffentliche Veranstaltungen und Kooperationen mit Initiativen, Verwaltung und Politik.3
Wohnen, Universität, Stadt: Zur gesellschaftspolitischen Relevanz
Zugleich verstehen wir das Projekt auch als Beitrag zur aktuellen wohnungspolitischen Debatte in Berlin. Die studentische Wohnraumkrise verschärft sich seit Jahren, während gleichzeitig immer mehr hochpreisige Mikroapartments entstehen. Vor diesem Hintergrund stellen sich auch Fragen nach der Verantwortung von Hochschulen selbst.
Ein aktuelles Beispiel: Im Oktober 2025 kündigte die TU Berlin ein „Wohnstipendium“ in Kooperation mit Airbnb an – 200 Gutscheine à 1.580 Euro, mit denen internationale Studierende im ersten Semester vergünstigt über die Plattform wohnen können. Dass eine öffentliche Universität mit einem Unternehmen kooperiert, dessen Geschäftsmodell die Wohnungskrise verschärft, ist von Forscher*innen – auch der TU4 – empirisch gut dokumentiert: Airbnb verdrängt in Berlin Mietwohnungen, treibt die Mieten im Umfeld der Wohnungen nach oben5 und verstetigt die räumlich-zeitliche Dynamik des Kurzzeitvermietungsmarktes6. Außerdem wurde festgestellt, dass Airbnb im Zusammenhang mit Gentrifizierung ohne bauliche Aufwertung und den Druck auf Bodenrenten steht und außerdem mit rassialisierter Verdrängung verbunden ist7. Weitere Studien verknüpfen Kurzzeitvermietungsplattformen zudem mit erhöhter Kriminalität8, externalisierten Nachbarschaftsfolgen wie Lärm, Müll und der Verdrängung alltagsorientierter Angebote9 sowie mit Prekarisierung und Informalisierung digitaler Arbeit10. Kurz: Die negativen Effekte reichen deutlich über den Wohnungsmarkt hinaus.
Hier zeigt sich exemplarisch ein Dilemma: Universitäten sind nicht nur Orte der Lehre und Forschung, sondern auch politische Akteur*innen im urbanen Raum. Sie ziehen jedes Jahr tausende Studierende in die Städte, sind damit selbst Teil der Infrastruktur des Wohnens und tragen entsprechend Mitverantwortung.
Vor diesem Hintergrund ist es unser Ziel, Aufmerksamkeit auf die Krise des studentischen Wohnens zu lenken. Zugleich entwickeln wir konkrete Ansätze dafür, wie bestehende Gebäude zu bezahlbarem studentischem Wohnraum umgebaut werden können – und arbeiten daran, dass solche Modelle auch tatsächlich umgesetzt werden, an der TU Berlin oder an anderen Orten. Dazu führen wir Gespräche mit der Hochschulleitung und wollen auch mit der Berliner Politik darüber sprechen, wie leerstehende Gebäude für bezahlbaren studentischen Wohnraum genutzt werden können.


Abb. 6: 1:1-Mock-up Küche im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin.
Ausblick
Mit den gebauten Mock-ups haben wir einen sichtbaren Meilenstein erreicht. Im aktuellen Sommersemester geht es in den von der Berlin University Alliance geförderten sogenannten TD (transdisciplinary)-Labs darum, die entwickelten Ideen weiter zu konkretisieren, mögliche Umsetzungsschritte vorzubereiten und uns dazu mit Expert*innen aus Architektur, Stadtentwicklung und Politik auszutauschen.
Rückblickend zeigt sich deutlich, welches Potenzial im Format der studentisch selbstorganisierten Lehre liegt. Dass das Format trägt, zeigt sich auch daran, dass in diesem Sommersemester am Institut für Stadt- und Regionalplanung ein weiteres selbstorganisiertes Studienprojekt entstanden ist, das von ehemaligen Teilnehmenden unseres Kurses eigenständig organisiert wird. So werden Räume geschaffen, in denen Studierende eigenständig Themen entwickeln, interdisziplinär arbeiten und Ideen praktisch erproben können. Das Beispiel unseres Projekts zeigt, wie aus einer Projektwerkstatt nicht nur ein Seminar, sondern eine längerfristige Initiative entstehen kann – mit internationaler Zusammenarbeit, Forschungskooperationen und konkreten Impulsen für stadtpolitische Debatten und Interventionen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Kürzungspläne in der Hochschullehre erscheint es deshalb umso wichtiger, experimentelle Formate wie diese zu erhalten und zu stärken. Wenn sich Hochschulen nicht nur als Orte der Lehre, sondern auch als Akteur*innen im urbanen Raum verstehen und als solche ernst genommen werden, und wenn sie Studierenden den Raum, das Vertrauen und die Ressourcen zur Verfügung stellen, eigene Projekte zu konzipieren und umzusetzen, können daraus Initiativen hervorgehen, die weit über den Rahmen der Universität hinauswirken.
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* Die Projektwerkstatt „Perspektiven auf die Wohnungskrise“ ist für den Publikumspreis des Berliner Landeslehrpreises 2026 nominiert. Abstimmen könnt ihr bis zum 1. Juli, 14:30 Uhr, unter survey.lamapoll.de/Lehrpreis-Berlin-Publikumspreis. Das Projekt würde sich sehr über eure Stimme freuen. Danke für eure Unterstützung!
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Autor*inneninformation: Jesco Lippke ist Doktorand am SFB 1265 „Re-Figuration von Räumen“ und forscht zu Künstlicher Intelligenz in der Stadtplanung. Gemeinsam mit Hannah Berner initiierte er die Projektwerkstatt „Perspektiven auf die Wohnungskrise“ und gemeinsam mit Jonathan Hoff und Püren Bahcivan das Reallabor „Campus as Commons“.
Bildquellen:
Abb. 1: 1:1-Mock-up Wohnzimmer im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin, Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Püren Bahcivan.
Abb. 2. Isometrische Darstellung der Mock-ups (Küche, Doppelzimmer, Duschraum), Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Carla Mutsuki Mastroscianni.
Abb. 3: 1:1-Mock-up Küche im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin, Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Püren Bahcivan.
Abb. 4: Sitzgelegenheiten auf der Fensterbank mit Ausblick im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin, Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Püren Bahcivan.
Abb. 5: Panel-Diskussion im Küchen-Mock-up, Ausstellungseröffnung Campus as Commons, Mathematikgebäude der TU Berlin, 20. Februar 2026, Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Püren Bahcivan.
Abb. 6: 1:1-Mock-up Küche im ehemaligen Mathematikgebäude der TU Berlin, Campus as Commons, WiSe 2025/26. © Campus as Commons – Püren Bahcivan.
Anmerkungen / Quellen
[1] Die internationale Winter School fand im Rahmen eines Blended Intensive Programme (BIP) der ENHANCE-Allianz statt und wurde durch Erasmus+ gefördert.
[2] Möglich wurde der Bau dieser Mock-ups durch die TD-Labs der Berlin University Alliance, eine großzügige Förderung der Hans Sauer Stiftung (München) sowie durch gebrauchte Baumaterialien, die wir im Haus der Materialisierung im Haus der Statistik erworben haben. Für die Umsetzung der Mock-ups konnten wir außerdem auf weitere Kooperationspartner zählen: vonwegenleer, das Studierendenwerk Berlin und das Studentendorf Schlachtensee unterstützten uns mit gebrauchten Materialien, Möbeln und Einrichtungsgegenständen, und über das Natural Building Lab (Selina Schlez, TU Berlin), angebunden an das Reallabor „TransforMA“, standen uns nachhaltige Baumaterialien und entsprechendes Know-how zur Verfügung.
[3] Das Projekt hat inzwischen auch über die TU hinaus Aufmerksamkeit gefunden: Wir haben uns sehr gefreut, dass u. a. das rbb-Kulturmagazin, Deutschlandfunk Kultur, inforadio, BauNetz Campus und das Monopol Magazin darüber berichtet haben.
[4] Vgl. dazu u. a. auch das Teilprojekt C07 „Plattformökonomie: Von kommerzialisierten Orten zur algorithmischen Regulierung von Airbnb“.
[5] Duso, T., Michelsen, C., Schaefer, M., & Tran, K. D. (2024). Airbnb and rental markets: Evidence from Berlin. Regional Science and Urban Economics, 106, 104007. https://doi.org/10.1016/j.regsciurbeco.2024.104007
[6] Pettas, D. & Suwala, L. (2023). The spatio-temporal dynamics of the short-term rental market in Berlin (2008–2020) – The case of AirBnB. DIE ERDE – Journal of the Geographical Society of Berlin, 154(1–2), 54–61. https://doi.org/10.12854/erde-2023-650
[7] Wachsmuth, D. & Weisler, A. (2018). Airbnb and the rent gap: Gentrification through the sharing economy. Environment and Planning A: Economy and Space, 50(6), 1147–1170. https://doi.org/10.1177/0308518X18778038
[8] Lanfear, C. C. & Kirk, D. S. (2024). The promise and perils of the sharing economy: The impact of Airbnb lettings on crime. Criminology, 62, 769–798. https://doi.org/10.1111/1745-9125.12383
[9] Brezina, V., Fischer, L., & Polívka, J. (2023). Kleinvieh macht auch Mist: Regulierungsansätze für spekulative Kurzzeitvermietungen. In U. Altrock et al. (Hrsg.), Stadterneuerung und Spekulation (Jahrbuch Stadterneuerung). Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-39659-6_14
[10] Pettas, D. (2024). Platform labour on the margins and beyond the digital realm: Mapping the landscape of „platform-generated labour“ in the digitally mediated short-term rental market. Digital Geography and Society, 6, 100082. https://doi.org/10.1016/j.diggeo.2024.100082